Anna Meinich Verstehen-Fühlen-Wachsen

 Verstehen · Fühlen · Wachsen mit Anna Meinich 

Holzschild mit der Aufschrift Sinnfinder Blog am Strand

Sinnfinder-Post "der Blog" von  Verstehen · Fühlen · Wachsen  - Anna Meinich

Gedanken, die dich ein Stück begleiten

Hier findest du Gedanken über das Leben, Beziehungen, Gefühle und die manchmal verschlungenen Wege zu uns selbst.

Nicht als fertige Antworten und schon gar nicht als Anleitung, wie Leben zu funktionieren hat. Sondern als Einladung, genauer hinzuschauen, zu verstehen, zu fühlen – und vielleicht dabei etwas Eigenes zu entdecken.

Vielleicht findest du hier einen Gedanken, der bleibt.
Eine Frage, die dich noch ein Stück begleitet. Oder einen Satz, bei dem du plötzlich denkst:

 Ja. Genau das kenne ich.

Die Scham, nicht perfekt zu sein

Es macht einen Unterschied, ob wir glauben, etwas falsch gemacht zu haben oder schlimmer noch, dass wir uns selbst für falsch halten.

Wir alle kennen vermutlich dieses ungute Gefühl, wenn etwas nicht gelingt. Wenn wir einen Fehler machen, etwas nicht wissen oder den Erwartungen, die andere an uns stellen, nicht entsprechen.

Wir schämen uns. Woher kommt die Scham? Ist sie angeboren und zu unserem Schutz oder ist sie erworben und toxisch, da sie uns durch das Erwerben der Scham schadet?

Also ist Scham gleich Scham? Gibt es einen Unterschied, und wenn ja, wie merkt man den Unterschied? Ist sie wirklich immer dasselbe?

Ich kann mir gut vorstellen, dass es einen gravierenden Unterschied macht, ob ich für ein Verhalten beschämt werde und das meinem Schutz dient oder ob ich eine Scham erlebe, die so tief reicht und mein gesamtes Sein infrage stellt. Was eine fatale Abwärtsspirale in Gang setzen würde.  

Wenn nicht unser Verhalten, sondern wir selbst falsch sind

Wenn ich in mir ein festes Fundament habe und im Grunde meines Herzens davon überzeugt bin, dass ich schon richtig bin, so wie ich bin, dann darf ich Fehler machen.

Dann kann ich mich über mich selbst zwar ärgern, kann es aushalten, wenn ein anderer sich über mich ärgert, mich dafür entschuldigen, kann etwas dazulernen und vielleicht irgendwann sogar gemeinsam mit dem anderen darüber lachen.

Der Fehler bleibt zwar ein Fehler, aber er wird nicht zu meiner Identität!

Was geschieht jedoch, wenn ich tief in mir die Überzeugung trage - und das muss mir nicht mal bewusst sein -, dass mit mir grundsätzlich etwas nicht stimmt?

Dann wird aus einem kleinen Missgeschick möglicherweise eine Bestätigung dessen, was ich ohnehin schon über mich glaube.

Nicht: Ich habe etwas falsch gemacht.

Sondern: Ich bin falsch.

Und genau an diesem Punkt durfte sich in mir eine andere Dimension der Scham zeigen. Wie kann ich die zwei Formen der Scham unterscheiden, wenn beide in mir am Wirken sind?

Die existenzielle Scham

Ich denke, dass diese Form der Scham sehr früh entstehen kann. Zu einer Zeit, in der wir noch gar nicht in der Lage sind, unser eigenes Erleben oder gar einen Unterschied im Erleben wahrzunehmen.

Ein Kind kann noch nicht verstehen, weshalb seine Bezugspersonen vielleicht überfordert, emotional nicht erreichbar oder selbst voller Unsicherheit sind. Die Sorge vor Beschämung und dem damit verbundenen unguten Gefühl treibt sie möglicherweise selbst um.

Das Kind erlebt zunächst nur: Es erlebt, was geschieht.

Und möglicherweise entwickelt sich daraus eine feste Überzeugung, die mit der tatsächlichen Wirklichkeit des Kindes wenig zu tun hat:

Wenn ich richtig wäre, würde man mich auch richtig wahrnehmen. Dann würde man erkennen, dass ich nicht in Absicht gehandelt habe, sondern aus Unkenntnis. Wobei selbst dies nicht unbedingt bewusst sein muss.

So wird durch viele Erfahrungen die Bedeutung des Erlebten allmählich zu einem inneren Selbstbild.

Ein Selbstbild, das später kaum noch hinterfragt wird, weil es sich nicht wie eine Meinung anfühlt, sondern wie eine Tatsache. In dieser „Tatsache“ vermischen sich toxische und erworbene Scham zu einer einzigen.

Wenn Scham über Generationen weitergetragen wird

Was mich dabei besonders bei meiner eigenen Introspektion beschäftigte, war die Frage, wie solche inneren Überzeugungen überhaupt entstehen und weshalb sie sich manchmal sogar über Generationen fortsetzen.

Vielleicht war die Mutter selbst ein Kind, das sich niemals wirklich angenommen fühlte.

Vielleicht hatte der Vater nie die Möglichkeit, seine eigenen Gefühle zu verstehen.

Und vielleicht geben beide etwas weiter, das sie selbst nie bewusst gewählt haben oder wählen würden, wäre es ihnen bewusst, da es viel zu viel schmerzhafte Gefühle beinhaltet. Viele Eltern würden das nicht bewusst weitergeben.

Es steckt sicherlich keine böse Absicht dahinter, wenn es trotzdem geschieht, sondern Menschen können häufig nur auf das zurückgreifen, was ihnen selbst zur Verfügung steht.

So kann eine tragische Verkettung entstehen.

Menschen verletzen andere Menschen, obwohl sie selbst unter ähnlichen Verletzungen leiden.

Das erklärt manches. Es entschuldigt nicht alles.

Und vor allem bedeutet es nicht, dass die nächste Generation nun dafür verantwortlich wäre, alles wieder in Ordnung zu bringen.

Denn wie soll ein Mensch etwas wieder in die Mitte rücken, was in sich schon falsch ist?

Vielleicht beginnt ein anderer Umgang damit nicht beim Versuch, alles zu reparieren.

Sondern zunächst beim Verstehen.

Müssen wir tatsächlich perfekt sein?

Wenn ich mich für einen grundsätzlich falschen Menschen halte, kann Perfektion zu einem verzweifelten Versuch werden, diesen vermeintlichen Makel auszugleichen.

Ich darf keinen Fehler machen. Ich muss alles richtig verstehen, richtig entscheiden, richtig reagieren.

Doch selbst wenn mir das gelingt, bleibt möglicherweise dieses Gefühl zurück, nicht zu genügen.

Denn wie sollte eine perfekte Leistung eine Überzeugung verändern, die gar nicht aus einer tatsächlichen Unzulänglichkeit entstanden ist?

Vielleicht liegt genau darin die Tragik.

Wir versuchen, durch unser Verhalten etwas zu beweisen, das niemals hätte bewiesen werden müssen.

Dass wir als Menschen richtig sind. Ein Elefant will schließlich auch nicht beweisen, dass er als Elefant richtig ist. Oder?

Werfen wir einen anderen Blick auf uns selbst

Ich glaube nicht, dass sich tief verwurzelte toxische Scham einfach durch ein paar positive Gedanken auflösen lässt.

Und ich glaube auch nicht, dass wir uns nur genügend anstrengen müssen, um endlich mit uns im Reinen zu sein.

Vielleicht dürfen wir zunächst erkennen, dass nicht jede Überzeugung, die wir über uns tragen, tatsächlich unsere eigene ist oder der Wahrheit entspricht.

Vieles ist entstanden, lange bevor wir überhaupt die Möglichkeit hatten, es zu hinterfragen.

Und dass ein Fehler nicht beweist, dass wir falsch sind.

Vielleicht müssen wir gar nicht perfekt werden.

Vielleicht dürfen wir anfangen, zwischen dem zu unterscheiden, was wir tun, und dem, was wir sind.

Sinnfinder-Post

Gedanken die dich begleiten

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