
Vielleicht bist du gar nicht kompliziert

Es gibt Menschen, die ziemlich viel Zeit damit verbringen, sich ständig infrage zu stellen
Sie hoffen auf eine Antwort auf die Frage „Warum?“ - nur um sofort wieder im nächsten Karussell zu landen.
„Warum bin ich so?“
„Warum mache ich das immer wieder?“
„Warum kann ich nicht einfach normal reagieren?“
„Warum bin ich so empfindlich?“
Auch ich kannte diese Fragen.
Doch irgendwann hat sich das Blatt gewendet. Durch einen völlig neuen Gedanken, der sich durch Begegnungen - oder gerade durch bestimmte Begegnungen - entwickeln konnte. Das in mir die Frage aufgeworfen:
Vielleicht müssen wir uns nicht ständig reparieren
Was wäre, wenn wir uns nicht ständig reparieren müssten, weil wir vielleicht gar nicht kaputt sind? Sondern vielleicht haben wir uns nur zu wenig selbst verstanden.
Vielleicht müssen wir manchmal tatsächlich zuerst uns selbst verstehen.
Denn Verhalten entsteht nicht aus dem Nichts.
Wenn jemand sich zurückzieht, hat das möglicherweise einen Grund.
Wenn jemand ständig funktionieren will, hat das möglicherweise einen Grund.
Wenn jemand Schwierigkeiten mit Nähe hat, hat auch das möglicherweise eine Geschichte.
Das bedeutet nicht, dass jedes Verhalten deshalb automatisch gut oder hilfreich ist.
Verstehen ist nicht dasselbe wie Entschuldigen
Aber Verstehen ist etwas anderes als Entschuldigen. Für viele ist es dasselbe, ich bin da auch sehr lange damit im Konflikt gestanden. Weil ich mich nicht verstehen konnte. Und es gibt sicherlich noch vieles, was ich an mir noch nicht verstehe, einfach, weil das Leben so facettenreich ist und nicht alles auf einmal preisgibt.
Und genau da wird es spannend.
Ich kann verstehen, warum ich etwas tue – und trotzdem entscheiden, dass ich es verändern möchte.
Das fühlt sich für mich viel freundlicher an als:
„Ich muss aufhören, so zu sein. Ich muss so sein, wie…“
Vielleicht ist der erste Schritt deshalb nicht Veränderung.
Vielleicht ist der erste Schritt Neugier.
„Aha. Interessant.“
„Das mache ich also immer dann.“
„Was passiert kurz davor?“
„Was fühle ich eigentlich?“
„Was brauche ich gerade?“
Aus Selbstkritik wird Beobachtung
Und plötzlich wird aus Selbstkritik Beobachtung.
Das klingt nach einer Kleinigkeit.
Ist es aber nicht.
Denn wenn ich mich beobachte, ohne mich dabei sofort zu verurteilen, entsteht Abstand.
Nicht zwischen mir und mir.
Sondern zwischen mir und meinem automatischen Verhalten.
Und genau in diesem kleinen Abstand kann etwas Neues entstehen:
eine Wahlmöglichkeit.
Vielleicht bin ich nicht „zu empfindsam“.
Vielleicht nehme ich Dinge sehr genau wahr.
Vielleicht bin ich nicht „zu kompliziert“.
Vielleicht brauche ich etwas, das bisher keinen Platz bekommen hat.
Vielleicht bin ich auch manchmal einfach … ich, auch wenn ich vielleicht gar nicht genau weiß, was „ich“ ist.
Und das darf erst einmal so sein.
Nicht als endgültige Antwort.
Sondern als Ausgangspunkt.


