
Vielleicht muss nicht alles bewertet werden

Oftmals ist unser Kopf schneller mit seinem Urteil als wir selbst.
Das kommt dir bestimmt in der ein oder anderen Form bekannt vor.
„Das war jetzt gut.“
„Mein Gott war das jetzt peinlich.“
„Das hätte ich besser machen müssen.“
„Weshalb hat sich der andere nicht anders verhalten?“
Noch bevor wir überhaupt richtig gespürt haben, was eigentlich vorgefallen ist, haben wir uns schon ein Urteil darüber gebildet.
Auch ich kenne das, und obwohl mir die inneren Vorgänge durchaus bewusst sind, erwische ich mich auf den altbekannten Prägungspuren unterwegs zu sein.
Sehr spät begann ich mich zu fragen, wie viel Energie wir eigentlich dafür verbrauchen, unser Leben ständig in richtig und falsch, gut und schlecht, gelungen und misslungen einzuteilen. Vor allem, was das mit meinem Lebensgefühl zu tun hat.
Dabei wäre es wesentlich einfacher, man würde manche Dinge einfach erst einmal sein lassen.
Nicht schönreden.
Nicht kleinreden.
Nicht entschuldigen.
Einfach anschauen.
Was wäre, wenn „Das ist so“ erst einmal reichen würde?
Mein Gegenüber verhält sich anders, als ich es erwartet habe.
Das ist so.
Ich bin heute erschöpft.
Das ist so.
Etwas ist mir gelungen.
Das ist so.
Etwas ist mir nicht gelungen.
Auch das ist so.
Das Interessante daran: Wenn ich aufhöre, sofort zu bewerten, bekomme ich plötzlich mehr Informationen. Nicht nur intellektuell, sondern auf allen Ebenen, da der Raum des Bewusstseins, in dem ich mich befinde, größer wird.
Was ist passiert?
Ich kann mich fragen:
Was ist tatsächlich passiert?
Nicht: Was bedeutet es über mich?
Nicht: Was bedeutet es über den anderen?
Nicht: Wer ist schuld?
Sondern erst einmal nur:
Was ist passiert?
Das klingt simpel. Ist es aber nicht unbedingt.
Alte Bewertungen sind nicht immer unsere Wahrheit
Denn wir haben gelernt, Dinge einzuordnen. Schon sehr früh. Und manchmal übernehmen wir Bewertungen, die so lange in uns herumgetragen wurden, dass wir sie irgendwann für unsere eigene Wahrheit halten.
„Ich bin eben kompliziert.“
„Ich bin zu empfindlich.“
„Ich muss alles richtig machen und mir dürfen keine Fehler unterlaufen.“
„Die anderen können das besser.“
Möglicherweise sind das keine Tatsachen.
Vielleicht sind es nur alte Schallplatten, die auf der Spur hängen geblieben sind.
Und vielleicht dürfen wir irgendwann anfangen, die Nadel ganz sanft von der Platte anzuheben und auf einer anderen Spur wieder absinken zu lassen. Vielleicht beginnst du dich zu fragen:
Stimmt das wirklich? Kann es so einfach sein, nervige Wiederholungen einfach zu unterbrechen?
Wertungsfrei heißt nicht, alles gut zu finden
Wertungsfrei zu leben bedeutet für mich deshalb nicht, alles gut zu finden.
Ganz im Gegenteil.
Ich darf etwas ablehnen.
Ich darf etwas verändern.
Ich darf Grenzen setzen.
Ich darf sagen: „Das tut mir nicht gut.“
Ich darf mich ärgern.
Ich darf enttäuscht sein.
Aber ich muss daraus nicht automatisch ein Urteil über meinen eigenen Wert oder den Wert eines anderen Menschen machen.
Vielleicht ist genau das ein kleines Stück Freiheit.
Nicht, dass wir uns immer weiter vom Fühlen entfernen.
Sondern weniger darüber urteilen, was wir fühlen, oder dass wir überhaupt fühlen.


