
Warum wir uns selbst manchmal nicht verstehen

Manchmal realisieren wir erst viel später unsere eigenen Reaktionen und stehen vor uns selbst und denken:
Warum reagiere ich eigentlich so?
Warum fällt mir ein bestimmtes „Nein“ so schwer, oder überhaupt ein Nein?
Warum gehe ich davon aus, dass ich die Anerkennung anderer brauche, obwohl ich doch weiß, dass ich davon eigentlich nicht abhängig sein möchte?
Und obwohl die nicht immer kommt!
Warum trifft mich dieser eine Satz so sehr?
Und manchmal finden wir einfach keine Antwort.
Vielleicht liegt ein Teil davon viel tiefer, als wir vermuten.
Die Spuren, die wir nicht sehen
Wir werden von Anfang an geprägt, vielen von uns ist das gar nicht so bewusst. Es scheint normal zu sein, dass ich denke ich bin wie…. Vielleicht weil wir es unzählige Male gehört haben?
Von Menschen, die uns umgeben.
Von dem, was wir erleben, mit Menschen oder mit dem Leben selbst.
Von dem, was ausgesprochen wird – und genauso von dem, was unausgesprochen bleibt. Da meistens noch viel mehr.
Von Nähe und Distanz. Viele wissen vielleicht gar nicht, was das eigentlich bedeutet, außer die Wörter, die man kennt und eher auf das Außen bezieht.
Von Geborgenheit und Unsicherheit, wenn diese fehlt.
Von Erwartungen, Blicken, Worten und Situationen, die ein Kind ganz selbstverständlich und arglos aufnimmt, da Worte und deren Bedeutungen möglicherweise noch gar nicht so begriffen werden und dennoch Spuren hinterlassen können.
Das Besondere daran:
Wir erinnern uns längst nicht an alles, was uns geprägt hat, obwohl wir da eher davon ausgehen, wir wüssten es.
Gerade die frühesten Erfahrungen liegen oft außerhalb dessen, woran wir uns heute bewusst erinnern können.
Und je weiter wir in unsere frühe Kindheit zurückblicken, desto schwieriger wird es, sicher zu wissen, was tatsächlich geschehen ist und was wir heute lediglich aus unseren späteren Erfahrungen oder Erzählungen heraus deuten.
Manches scheint in den dunklen Labyrinthen unseres Bewusstseins versunken zu sein.
Wir spüren vielleicht noch eine Wirkung.
Aber die ursprüngliche Geschichte dazu kennen wir nicht mehr.
Wenn die Vergangenheit im Heute auftaucht
Vielleicht begegnet dir heute ein Mensch und löst etwas in dir aus, dass viel größer erscheint als die eigentliche Situation.
Ein Blick.
Ein Tonfall.
Eine Zurückweisung.
Ein Gefühl, nicht gesehen zu werden.
Und plötzlich bist du traurig, wütend, unsicher oder ziehst dich zurück, möglicherweise entbrennt ein massiver Konflikt, mit demjenigen der involviert ist.
Du fragst dich vielleicht, ohne groß nachzudenken:
„Was ist denn jetzt schon wieder mit mir los?“
Vielleicht ist die bessere Frage:
„Was geschieht gerade in mir?“
Denn nicht jede Reaktion erzählt ausschließlich von dem, was gerade passiert.
Manchmal berührt das „Heute“ eine alte Spur.
Nicht unbedingt eine, die wir bewusst kennen.
Vielleicht gibt es dafür keine klare Erinnerung. Vielleicht gibt es nur ein Gefühl, eine innere Bewegung, ein Geruch oder ein vertrautes Muster.
Und genau hier wird es spannend.
Wir dürfen durchatmen, da wir nicht jede Spur finden müssen.
Ich glaube nicht, dass wir für alles, was in uns geschieht, eine perfekte Erklärung brauchen.
Manchmal können wir nur vermuten.
Manchmal können wir Zusammenhänge erkennen.
Und manchmal bleibt eine Frage einfach eine Frage.
Das ist nicht leicht auszuhalten.
Wir Menschen lieben Antworten, dass mag unser Verstand, dass lässt ihn in der Illusion er sei der alleinige Macher in uns.
Doch gerade beim Blick in unsere eigene Vergangenheit sollten wir vorsichtig sein, aus Vermutungen Gewissheiten zu machen.
Denn unsere Geschichte besteht nicht nur aus dem, woran wir uns erinnern.
Und sie besteht auch nicht nur aus dem, was wir über sie zu wissen glauben.
Sie besteht aus vielen Spuren.
Einige davon sind deutlich.
Andere kaum sichtbar.
Und manche führen vielleicht in Bereiche, die für unser bewusstes Erinnern längst verschlossen sind.
Und was mache ich jetzt damit?
Vielleicht beginnt Selbstverständnis deshalb gar nicht damit, die gesamte eigene Vergangenheit zu entschlüsseln.
Vielleicht beginnt es damit, das eigene Erleben im Hier und Jetzt ernst zu nehmen.
Zu bemerken:
Da passiert gerade etwas in mir. Und vielleicht ist ein kurzes Innehalten ein praktischer Zwischenschritt, um
Nicht sofort zu bewerten.
Nicht sofort zu erklären.
Nicht sofort wegmachen wollen.
Einfach wahrnehmen. Vielleicht fragst du dich beim nächsten Mal, wenn eine Reaktion dich selbst überrascht:
Was genau hat mich gerade berührt?
Und vielleicht kommt keine Antwort.
Das ist auch eine Antwort.
Denn du hast begonnen hinzuschauen.
Und manchmal ist genau das der erste kleine Schritt aus einem dunklen Labyrinth heraus.
Nicht, weil plötzlich alles hell wird.
Sondern weil du anfängst, deine eigenen Spuren wahrzunehmen.
Verstehen · Fühlen · Wachsen


